Kulturschock
- hartmanntabea
- 11. Juni 2023
- 9 Min. Lesezeit

Fast drei Monate haben wir nichts geschrieben. Und ich glaube, es liegt am Kulturschock. Ein anderes Wort fällt mir nicht ein, um diese Phase zu beschreiben, in der wir uns gerade befinden: Es ist immer noch eher Taumeln als festen Schrittes zu gehen, eher Stammeln statt wohl formuliertem Castellano, eher müde Abende, zaghafte Versuche, Freundschaften zu schließen, eher Suchen statt Finden.
Aber der Reihe nach. Und: Wir würden es nicht alle sieben gleich beschreiben. Jede und jeder erlebt das Leben in Lima etwas anders. Es ist schon mehr meine (Tabeas) Perspektive oder die von uns beiden (Samuel und Tabea).
Wir haben schon gaaaanz oft und gefühlte tausende Male vor der Ausreise gehört, dass unsere Kinder den Umschwung bestimmt spielend schafften, uns sprachlich schnell überholten und besonders die Kleinsten sich ja mit Leichtigkeit einfinden würden. Nach fast einem dreiviertel Jahr in Lima und fast elf Monaten in Lateinamerika stellen wir (immer wieder) fest: Es ist genau anders herum. Josua und Jael fühlen sich einigermaßen wohl in der Schule. Sie sind, was ab der 5. Klasse an der Humboldtschule so üblich ist, in einer sogenannten DaM-Klasse. Deutsch als Muttersprache. Dadurch gibt es einige Kinder in der Klasse, die (besonders in Jaels Klasse) den Umbruch kennen und die entweder selbst oder (bei den meisten) in zweiter, dritter oder vierter Generation ein wenig deutsche Kultur kennen. Beide haben einen besten Freund bzw. ein beste Freundin, mit denen sie deutsch sprechen können, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Und dieses Wohlfühlen macht es auch irgendwie leichter anzukommen. Josua versteht schon sehr gut spanisch und spricht auch immer mehr. Jael groovt sich langsam ein. Die Schule meint von sich, sie wäre ganz gut darin, Kinder ohne Spanischkenntnisse in die Sprache einzuführen. Wir können das bisher nur bedingt bestätigen. Denn eigentlich ist die Schule nach ihrem Selbstverständnis dazu da, dass Deutsch gelernt werden kann. So muss Josua z. B. ein Deutschdiplom ablegen...

Für Noa, Lois und Zoe ist es etwas schwerer mit der Sprache. Sie sind in DaF-Gruppen/-Klassen (Deutsch als Fremdsprache). Zoe fällt es morgens immer noch schwer, sich zu lösen und in die peruanische Welt abzutauchen. Lois würde auch lieber zu Hause bleiben. Noa kämpft sich auch immer wieder durch. Und wenn wir die drei dann abholen, dann halten sie Ausschau nach uns, dass ihnen fast die Augen ausfallen.
Der Schulalltag prägt unseren Alltag. Es ist richtig schön, dass wir morgens gemeinsam starten können. "Zwanzig Minuten bis wir losfahren!" Jael gibt immer die Zeit durch und schlägt vorsichtshalber immer ein paar Minuten drauf. Denn, wenn wir nicht rechtzeitig starten, sind wir vierzig statt zwanzig Minuten unterwegs. Es kommt fast täglich vor, dass der große Kreisverkehr kurz vor der Schule total verstopft ist- nix geht mehr, Kämpfen um jeden Zentimeter, keine Fahrbahn erkennbar (aus vieren werden dann schnell sechs bis sieben), Chaos, Hupen, Neidischsein auf die verbeulten Taxis, denen ein bisschen Durchdrücken auch nicht mehr wehtut. Wenn wir an dem kleinen Park, eine Querstraße von der Schule entfernt, geparkt haben, ziehen Josi und Jael alleine los. (Eine Schulfreundin beneidet Jael um die Freiheit, dass sie diese hundert Meter alleine laufen darf. Freiheit bekommt in diesem Land eine andere Bedeutung.) Noa, Lois und Zoe schaukeln, hangeln und klettern an dem kleinen Spielturm. Dann bringen wir Noa und Lois zur Schule. Und dann haben Zoe und ich noch eine Dreiviertelstunde, die wir meistens zum Vorlesen und Frühstücken nutzen. (Samuel haben wir übrigens schon vorm Kreisverkehr abgesetzt, weil er in der Oberstufe, im Schulgebäude Humboldt 2, diesseits des Kreisverkehrs, unterrichtet.) Zoe und ich huschen dann fast als letzte in den Kindergarten rein, damit die Ablösezeit möglichst kurz ist. Und das Reinhuschen geht so: Man wird vom Sicherheitspersonal gemustert und freundlich begrüßt, scannt sich ein (damit bei einem Erdbeben klar ist, wer sich genau in der Schule befindet), dann läuft man einen genau vorgegebenen Weg, der durch Personal gesäumt ist, dann läuft man genau in der Spur bis zu seiner Gruppe, wo sich Zoe in ihrer (Schäfchen-)reihe- eine von sechs Kindergartengruppen der Vorschulkinder- anstellt und dann zieht sie in einer Reihe mit ihren Erzieherinnen in ihr Gruppenzimmer. Ich gehe dann mit den anderen Eltern den vorgegebenen Weg aus der Schule raus (dieses Mal durch ein kleines, schweres Sicherheitstor). "Hasta luego" raunt der Sicherheitsmensch, dessen Kleidung im Vorbeigehen danach riecht, als hätte sie es schwer gehabt zu trocknen in den dauerfeuchten, nebeligen Berghängen der armen Bevölkerung Limas. Wen wird er wohl mit seinem Mindestlohn von 300 € im Monat alles ernähren und versorgen müssen? Wieviel geht wohl für die Fahrt bis zur Humboldtschule drauf? Wie lange ist er unterwegs für seine 12-Stundenschicht? Eine Stunde oder zwei pro Weg?
Entweder ich warte dann noch im Auto, bis ich Samuel abhole oder ich habe mich vorher schon aus dem vorgegebenen Weg gestohlen- ins Lehrerzimmer oder direkt ins Klassenzimmer. Das ist an jedem Wochentag anders. Im Lehrerzimmer kenne ich wenigstens schon Hinz. Kunz fehlt noch. Ganz so durchmischt sind die peruanischen und die deutschen Lehrkräfte nicht, wie ich dachte. Zu groß sind die Unterschiede. Darüber wird selten gesprochen. Die entsandten Lehrkräfte bekommen ein normal-deutsches Gehalt, die peruanischen in der Regel, ein normal-peruanisches... auf Verhandlungsbasis. Bildung ist keine gemeinsame Kraftanstrengung mit (oft nicht ganz so glücklich) verteilten bzw. investierten Steuergeldern wie in Deutschland. Hier läuft es anders. Wer es irgendwie möglich machen kann, schickt seine Kinder auf eine Privatschule. Die staatlichen Schulen haben einen sehr schlechten Ruf. Bildung ist ein eigenes Thema. Steuern übrigens auch. Jedenfalls... werden wir deshalb auch immer von oben bis unten gemustert, wenn wir sagen, dass wir fünf Kinder haben. Unmöglich! Fünf Kinder!!! Sie müssen Millionäre sein und zehn Hausangestellte haben (mindestens eine, die das Haus und den Hof wüstenstaubfrei hält, eine, die kocht, eine, die wäscht, einen eigenen Fahrer, ein bis zwei für die Kinder und dann vielleicht noch ein paar auf Abruf- bei Krankheit, Festen, für den Garten, den Pool und den Wachmann vor der Tür nicht zu vergessen)!
Auf jeden Fall haben Samuel und ich dann meist zwei Stunden zum Arbeiten (Teambesprechungen, seit letzter Woche online Spanischunterricht, Vor- und Nachbereitung von Diesem und Jenen) und dann geht der Spaß weiter: Ich hab dann oft meine eine Ethikstunde am Tag, während Samuel Zoe abholt. Dann holen wir Lois und Noa, warten oder fahren hin und her, bis wir Jael und Josua holen. Das zieht sich an manchen Tagen bis um fünf. Weil am Nachmittag noch eine Sport-AG ist oder Unterricht. Die Kinder sind dann froh, endlich zu Hause zu sein. Und wir schauen, was wir noch arbeiten können. Ganz langsam kommen Abendveranstaltungen dazu. Der Weg ist immer verbunden mit Sorge. Nachts durch Lima. Wie vertrauenswürdig ist der Taxifahrer? Und für die jungen Freiwilligen, die neuerdings in unserer Gemeinde kommen und mit Bussen und zu Fuß den Weg wagen. Sie sind es gewohnt. Ich find es jedes Mal sehr mutig und hoffe das Beste.
Fast ein dreiviertel Jahr sind wir hier und versuchen zu landen. Auf der Straße klappt es schon ganz gut. Die Hupe wird nicht geschont. Wir kennen schon manche, die bei den Rotphasen an die Autos kommen- die jungen Mütter, die ihre Kinder in ihren bunten Tüchern tragen, die Alten, die Lutscher und geröstete Maiskörner verkaufen, die jungen Männer, die aus einer alten PET-Flasche durch ein kleines Loch im Deckel ein leicht seifiges Wasser an die Frontscheibe spritzen und mit geübter Hand für klare Sicht sorgen, wenn sie dürfen. Zu Hause fühlen wir uns auch recht wohl. Die Sorge vorm Einbruch gehört anscheinend zum Leben hier dazu. So, wie in anderen Ländern eben andere Sorgen zum Leben gehören. Für manche hier ist die Sorge vorm Erdbeben noch größer und gegenwärtiger. Griffbereit an der Wohnungstür liegen Notfallrucksäcke, Wasserkanister und Walkitalkis. In der Stadt ist unser Radius noch nicht viel größer geworden. Dieses Schulhalbjahr ist einfach zu sehr geprägt von all unseren Stundenplänen. Im Land sind wir auch noch nicht weiter rumgekommen. Aber im Juli haben wir einige schöne Ziele vor uns. Endlich Machu Picchu!!!! Und Cusco, 5000er Pässe und Regenwald. Die Unruhen im Land sind im Moment etwas zur Ruhe gekommen. Das kann sich jederzeit ändern. Das Klima ist vom Wetterphänomen El niño geprägt.- Das heißt, es ist im Moment für Juni noch relativ warm und es gibt ab und zu Sonne, obwohl es kalt und durchgehend grau sein müsste. Die Strömung im Pazifik ist anders bzw. stärker. Sie drückt die eigenen Abwässer zurück in Limas Buchten. Für die Landwirtschaft ist es zu warm. Die Regenfälle sind im Moment im Normalbereich. Mit der Sprache wird es noch eine Weile dauern. Wir verstehen immer besser. Aber dass es fließen kann, ist noch nicht in Sicht. Das macht uns auch manchmal schlechte Laune. Und es würde uns natürlich erheblich helfen, wenn wir da schon fitter und leichtfüßiger wären.
Manchmal fühlt sich dieser Anfang einfach unglaublich zäh an. Neulich sagte mir eine Bekannte, die schon etwas länger hier ist: "Das erste Jahr muss man einfach in die Tonne kloppen!" Ich glaube, sie hatte recht. Geduld braucht man. Wo gibt's die bloß?
Vielleicht hilft mir ein wenig Theorie über meinen Zustand, hab ich mir gedacht, und habe mich nochmal ein wenig mit dem "Kulturschock" auseinander gesetzt. In den seltensten Fällen ist es natürlich ein Schock. Es ist mehr so eine mehr oder weniger lange Phase des Wunders und das Fragens und des Platz Suchens. Eine Phase, die oft von Müdigkeit geprägt ist, von Heimweh und von Unzufriedenheit. Aber in diesem ganzen Taumel bahnt sich (im besten Fall und recht häufig) etwas Wunderbares an: Das Ankommen. Das Finden. Das zarte-Wurzeln-Treiben. Und: Eine realistische Sicht auf die Dinge- auf das, was man vermisst und zurückgelassen hat und auf das, was man stattdessen hat.
Und stattdessen haben wir ganz viel! Und auch ganz Wunderbares. Wenn ich auf die letzten Monate zurückschaue kann ich so viel aufzählen, dass wir über mindestens eine Sache noch einen extra Blogbeitrag schreiben wollen. Die Reise nach Washington und New York war wirklich fantastisch!

Aber was mir auch wie ein Wunder vorkommt, ist, dass wir seit einigen Wochen als Dreierteam unsere Gemeinde beackern. Hanna ist dazu gekommen. Sie ist für den CVJM hier in Lima für die Gruppe deutscher Freiwilliger zuständig. Da ihr Vertrag aber nun ausläuft und dazu keinen vollen Umfang hat, entwickelt sie jetzt hier mit uns die Kinder- und Jugendarbeit und baut ein Netzwerk für deutsche Freiwillige in Lima auf. Der Austausch und gemeinsam Visionen zu entwickeln und Projekte zu starten ist total inspirierend und gibt uns Kraft. Gemeinsam schreiben wir ein "Wunderbuch". Da kommt alles rein, was uns wundersam erscheint. Und dann staunen wir immer und sind sehr dankbar!

Schon etwas länger zurück liegt die Karwoche und der Ostermorgen. Das waren sehr intensive Tage, die wir genossen haben und die uns gestärkt haben. Am Gründonnerstag haben wir ein besonderes Abendmahl in unserer Kirche und draußen im Garten gefeiert. Der Olivenbaum war unser Garten Gethsemane. Für Karfreitag haben wir die Bänke in der Kirche wieder neu umgestellt, den Altar mehr ins Zentrum geholt und eine Dornenkrone war unser Mittelpunkt. Am Samstag haben wir mit Kindern und Jugendlichen miteinander Bibel gelesen, uns Zeit genommen für dieses besonderen Weg, den Jesus gegangen ist und haben nachts am Lagerfeuer Abendmahl gefeiert. Mit der aufgehenden Sonne haben wir Gott für das Osterwunder gelobt und dann miteinander ein großes Osterfrühstück genossen. In diesen Tagen sind besonders schöne Instagram- Beiträge entstanden Dank der beiden Gemeindepraktikantinnen Naemi und Lena! Und auch sonst haben die beiden mitgestaltet und das Leben in der Gemeinde bereichert. Besonders in Erinnerung bei den Kindern sind die unübertroffenen Wasserspiele in einem unserer ersten "Kinderhaus"- Nachmittage! Das Kinderhaus und das Jugendhaus werden für unsere Familie und, was so schön ist, für immer mehr Kinder, Jugendliche und Familien zu einem Anker in der Woche. Wir starten kurz nach vier mit viel Musik, einer Geschichte und Aktionen und Spielen mit den Kindern. Nebenher brennt schon das Feuer. Der Stockbrotteig geht. Kaffee für die Erwachsenen und Wasser wird ausgeschenkt. Ab halb sechs gibt's Stockbrot und nach und nach trudeln die Jugendlichen ein, die dann noch bis in die Nacht ihr Programm haben. Die Kinder wollen dann noch nicht nach Hause. "Media hora por favor", hört man immer wieder die Kinder sagen und die Eltern wollen ihre Kinder auch nicht aus Mogelmotte, "Humpe" oder vom Singen am Lagerfeuer rausreißen. Dieses Lagerfeuer hat schon eine besondere Kraft. Es ist irgendwie das Zentrum des Freitags. Da grillen die Erwachsenen für die Kinder und umgekehrt. Da führt man in der Glut stochernd die schönsten Gespräche. Da darf jeder mal sagen, wie man eigentlich am besten Feuer macht. Und trockenes Holz im feuchten Lima, in dem die Bücher im Regal schimmeln, kaufen zu können, ist dann auch immer irgendwie ein Wunder. Ums Lagerfeuer singen wir "Der Herr segne dich" und "Zehntausend Gründe". Ums Feuer brechen wir das Brot und danken Gott für unsere Woche. Ums Feuer sitzend wird es leichter mit dem Kulturschock. Und ja, es kommen mir ganz viele Bilder in den Kopf von den vielen Feuern, die in unserer Schale im Hof in Pleidelsheim gebrannt haben.

Es gab ja mehrere Gründe, warum wir diesen Schritt gegangen sind. Einen kann ich vielleicht so beschreiben: In unserer Landeskirche daheim in Württemberg kannten wir uns schon ein bisschen aus. Wir wussten ungefähr, was wir einsetzen können und wollen, um Gemeinde zu bauen, um zu vernetzen, um Heimat zu finden und zu beheimaten. Jetzt ist es nur so, dass, wenn man Gemeinde bauen und leiten möchte, es ein wenig gefährlich oder unpassend ist, wenn man meint, man wüsste, wie es geht... Denn eigentlich bauen tut ein anderer. Wir hatten den Wunsch danach, nach dieser (wunderbaren und reichbeschenkten) Zeit in Pleidelsheim, wieder Nicht-Wissende sein zu wollen. Gemeindebau geht nur in absoluter Abhängigkeit von Gott. Das wollten wir wieder neu spüren. Und das spüren wir jetzt. Wir wissen nichts. Wir können die Sprache mehr schlecht als recht. Die Kultur ist neu für uns. Wir finden nicht ganz die Kaste, in der wir leben wollen (obwohl die von außen völlig klar ist: Fünf Kinder und Humboldtschule. Say no more!). Und wir wissen auch wirklich nicht, wohin sich die Gemeinde hier in Lima entwickeln soll/darf/kann. Die Gemeinde ist sehr klein. Die Kirche groß und der Aufwand dafür enorm. Die Vorstellungen in der Gemeinde sind sehr unterschiedlich. Es gibt alte Traditionen in der Gemeinde und es gibt einige neue zarte Keime. Es gibt im Moment wenig sozialen Output. Aber die Armut im Land ist überwältigend. Und wir taumeln und stolpern und stammeln. Und in allen Taumeln und Stolpern und Stammeln führen wir uns geleitet und geführt. Das Ziel kennen wir nicht. Aber es ist ein guter Weg, den wir gehen dürfen. Finden wir. Anstrengend und mühsam. Wunderbar und leicht. Reich. Immer wieder in guter Gemeinschaft. Mit überraschend schönen Begegnungen. Hupend. Ausgebremst. Auf der Überholspur. Mit Wind in den Haaren. Im bunten Leben Lateinamerikas.
"Leite mich, Herr der Wunder!" Mit diesem etwas verschwommenen Foto- nachts in Lima aufgenommen, im Straßenchaos und Hupkonzert- wünsche ich euch Gottes Segen, eure Tabea










Kommentare